Spanische Grippe: 2. Teil

Fazit

Trotz problematischer Glaubwürdigkeit einzelner Meldungen, kann man herauslesen, dass innerhalb kürzester Zeit die Epidemie hereinbrach. Die erste Meldung über eine Epidemie wurde am 22.09.1918 veröffentlicht. Zwei Tage später kamen Meldungen aus Frankreich über seuchenartige Ausbrüche. Am 9. Oktober, zwei Wochen später, wurde die in Deutschland auftreten Fälle verharmlost. Am 13. Oktober quollen die Krankenhäuser in Berlin über. In 14 Tagen (16. Bis 30.10.) kam es zu fast 16.000 AOK-registrierte Fälle in Berlin.

Wie dramatisch diese Zahlen sind soll folgende Rechnung verdeutlichen.

Die Einwohnerzahl des Deutschen Reiches im Jahre 1918 betrug rund 65 Mill. Menschen. Hierbei sind die Kriegstoten berücksichtigt. Die Bevölkerung von Groß-Berlin betrug rund 3,6 Mill. Menschen. Diese Zahl setzt sich aus der Einwohnerschaft Berlins und der Bevölkerung die 1920 eingemeindet wurde (Tabelle 1).

Nimmt man die Fallzahlen der AOK, die von den Zeitungen publiziert wurden, ergibt sich eine Todesrate von 2,74% (Tabelle 2).

Setzt man voraus das diese Berliner Todesrate repräsentativ für die Gesamtbevölkerung des Deutschen Reiches ist, bedeutet das 1.778.128 Todesopfer.

Als These aus dem kleinen Vergleich zweier Berichterstattungen der damaligen Presse lässt sich festhalten. Das Gesamtausmaß wurde nicht erkannt bzw. nicht formuliert. Es wurde sachlich eher distanziert berichtet. Das Ausmaß des menschlichen Leids und deren Auswirkungen wurden gar nicht thematisiert. Eine versteckte Empathie lässt sich bestenfalls bei der Meldung erkennen, die über den Tod ganzer Familien schrieb. Ebenso lässt sich das Schrecken aus der Rede des Stadtverordneten Weil herauslesen.

Die ethische Bedeutung eines Menschenlebens war nicht stark ausgeprägt. Die Todesopfer wurden betrauert, dies wird u. a. in den Todesanzeigen deutlich, aber die Epidemie wurde eher als naturgegebene Gewalt hingenommen. Einer Gewalt die nicht beherrschbar ist und der man ausgeliefert ist.

Medial lässt sich ein Unterschied zwischen der bürgerlichen Berichterstattung (Vossische Zeitung) und der sozialdemokratischen Berichterstattung (Der Vorwärts) festhalten. Wie ausgeführt berichtete die Vossische Zeitung in der Regel ausführlicher mit mehr Details. Beiden Zeitungen gemein war eine nicht-analytische und unsystematische Berichterstattung.

Trotz aller gebotenen Vorsicht vom Wahrheitsgehalt aller Meldungen lässt sich die Katastrophe anhand der Veröffentlichungen nachzeichnen.


[1] „Vierzehn Tage nach dem ersten Auftreten in Paris war die Influenza bereits in New York,…“

[2] Aktuelle Berechnungsmethoden und interaktive Darstellung
http://rocs.hu-berlin.de/D3/herd/
https://www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressemitteilungen/2013/13_2013.html

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