{"id":583,"date":"2020-04-07T22:47:29","date_gmt":"2020-04-07T20:47:29","guid":{"rendered":"http:\/\/neukoellner-clio.de\/?p=583"},"modified":"2020-04-07T23:13:43","modified_gmt":"2020-04-07T21:13:43","slug":"spanische-grippe-2-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/?p=583","title":{"rendered":"Spanische Grippe: 2. Teil"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil des Berichtes \u00fcber die spanische Grippe besch\u00e4ftigt sich mit der zweiten Welle der Epidemie. Zur Grundlage des Aufsatzes habe ich die Berichterstattung der Zeitung des \u201eVorw\u00e4rts\u201c. Der Juli war gepr\u00e4gt durch eine Zusammenfassung des bisherigen Verlaufes der Epidemie. Die erste Epidemie-Welle klang im Juli ab. Der Vorw\u00e4rts berichtete im Juli in relativ gro\u00dfen Abst\u00e4nden. Sieben Meldungen und Berichte wurden ver\u00f6ffentlicht. Davon fielen vier Meldungen kurz aus. Auff\u00e4llig waren zwei Berichte, die inhaltlich und umfangreich \u00fcber Hintergr\u00fcnde und Zusammenh\u00e4nge informierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Ausbruch der zweiten Welle Ende September intensivierte sich die Berichterstattung. Im Oktober, der Zeit als der Virus durch Deutschland, Europa und die Welt tobte, berichtete der Vorw\u00e4rts fast t\u00e4glich. Besonders auffallend war, dass f\u00fcr einen Zeitraum von 14&nbsp;Tagen Zahlen der Infizierten und Toten ver\u00f6ffentlicht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Kontrastierung werfe ich immer wieder einen Blick in die Vossische Zeitung. Dadurch werden Unterschiede der Berichterstattung beider Zeitungen deutlich.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Berichterstattung \u00fcber die zweite Grippewelle<\/h3>\n\n\n\n<p>Die erste Grippewelle ebbte im Juli 1918 ab. Gleichzeitig nahm die Berichterstattung \u00fcber die Epidemie nur einen kleinen Teil in den Ausgaben des Vorw\u00e4rts ein. Hervorzuheben sind zwei Berichte. Der erste wurde am 4. Juli (Anhang 1) ver\u00f6ffentlicht und der zweite Bericht zum Ende des Monats am 23. Juli (Anhang 2). W\u00e4hrend die Grippewelle auslief ver\u00f6ffentlichte der Vorw\u00e4rts einen umfassenden historischen \u00dcberblick \u00fcber Grippe- bzw. Influenzaepidemien. Der Autor beschrieb die gro\u00dfe Epidemie der Jahre 1889\/90. Besonders bemerkenswert erschien ihm die Feststellung, dass die Ausbreitung von Frankreich nach New York innerhalb von 14 Tagen erfolgte<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Insgesamt ist der beschriebene Verlauf erschreckend, weil die Verbreitung enorm rasant verlief. Innerhalb von zwei Wochen berichtete der Vorw\u00e4rts, dass das gesamte europ\u00e4ische Russland infiziert gewesen sein &#8211; Anfang Dezember Mitteleuropa und \u00d6sterreich-Ungarn. Man sieht, nicht die heutige Globalisierung macht eine schnelle Verbreitung m\u00f6glich. Bereits vor rund 150 Jahren entwickelten sich Pandemien.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Vorw\u00e4rts-Artikel besch\u00e4ftigte sich nicht nur um eine historische Darstellung, sondern auch wie die Wissenschaft versuchte, Wege des Sch\u00fctzen und Heilen zu erforschen. Manche Annahmen erscheinen aus heutiger Sicht skurril, andere haben sich als helfend herausgestellt. Die Verbreitungsschnelligkeit wurde mit enorm gro\u00dfen Massen an Krankheitserregern erkl\u00e4rt, die durch die L\u00fcfte mit den Winden Verbreitung finden<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>. Daraus abgeleitet und in Verbindung von Beobachtungen, kam man zum Schluss, dass Absperrma\u00dfnahmen keine Erfolge haben w\u00fcrden. Hier ist zu vermuten, dass kleinere Gebiete bzw. Regionen gemeint waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite genannte Bericht befasst sich mit dem Verlauf der Krankheit. Auch hier werden medizinische und wissenschaftliche Erkenntnisse in popul\u00e4rer Art vorgestellt. Gleichzeitig Verhaltensregeln genannt, die vor einer Erkrankung sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Mit diesem Bericht unterscheidet sich der Vorw\u00e4rts von der Vossischen Zeitung.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Beginn der zweiten Grippen-Welle<\/h3>\n\n\n\n<p>Am 24.09.1918 kam die erste Meldung, dass in Spanien eine Grippe- und Fieberepidemie ausgebrochen sei. Ein Tag sp\u00e4ter wurde berichtet, dass es in Frankreich zu Erkrankungen und Toten kam. Knapp zwei Wochen sp\u00e4ter kam eine Meldung, die Grippe sei in Berlin aufgetreten, aber scheinbar nicht gef\u00e4hrlich. Zwei weitere Tage sp\u00e4ter am 11.10.1918 musste die Zeitung verk\u00fcnden, dass sich die Grippe stark ausgedehnt h\u00e4tte. Au\u00dferdem verlief die Krankheit im Gegensatz zur ersten Welle \u00f6fters schwer und t\u00f6dlich. Besonders j\u00fcngere Menschen w\u00e4ren betroffen. In der Ausgabe vom 12. Oktober berichtete der Vorw\u00e4rts, dass s\u00e4mtliche Gro\u00df-Berliner Krankenh\u00e4user \u00fcberf\u00fcllt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle kommt ein kleiner informeller Einschub. Wenn wir dieses Jahr das 100-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der Gr\u00fcndung von Berlin erinnern bzw. feiern, so muss es einem bewusst sein, dass es einen langj\u00e4hrigen vorausgegangenen Prozess gab. In dem Zusammenhang betrachtete man das Gebiet des sp\u00e4teren Berlins als Gro\u00df-Berlin bei gleichzeitiger Selbstst\u00e4ndigkeit der Ortschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab dem 13. Oktober wurden Zahlen der Erkrankungen und Todesf\u00e4lle in Berlin ver\u00f6ffentlicht (Anhang 3). Diese Berichterstattung des Vorw\u00e4rts unterscheidet sich von der Berichterstattung der Vossischen Zeitung. Die ver\u00f6ffentlichten Zahlen entstammen den Krankmeldungen bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK Stadt Berlin). Die Vossische Zeitung berichtete \u00fcber mehr Einzelf\u00e4lle. Beispielsweise wurde der Tod zweier Operns\u00e4nger (12.10.1918) ver\u00f6ffentlicht, der Sohn des Staatssekret\u00e4rs Erzberger (17.10.1918) oder die 22 j\u00e4hrige Tochter des Statthalters von Elsa\u00df-Lothringen (19.10.1918). Die Meldung der AOK-registrierten Krankheitsf\u00e4lle stand weniger im Vordergrund. Zumeist wurde Nennung der Zahlen in Verbindung weiterer Meldung zusammengeschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass die genannten Zahlen in einigen F\u00e4llen widerspr\u00fcchlich waren. Die Abweichungen betrafen die beiden Zeitungen zueinander, als auch innerhalb des Vorw\u00e4rts. Erkl\u00e4rbar ist die Abweichung durch den Umstand, dass die AOK selbst keine exakten Zahlen geliefert hat. Da die Daten per Hand in den unterschiedlichen Gesch\u00e4ftsstellen zusammengetragen wurden, ist es leicht denkbar, dass eine am Morgen genannte Zahl am Abend durch Zu- oder Abg\u00e4nge sich \u00e4nderten. \u00dcbertragungsfehler und Zahlendreher sind ebenfalls in Betracht zu ziehen. Da diese Zahlen nur die Spitze des Eisberges darstellen, ist diese Ungenauigkeit nicht bedeutsam. In den gemachten Zahlen sind nur die F\u00e4lle erfasst, bei denen die Kranken bei der AOK versichert waren. F\u00e4lle bleiben ohne Ber\u00fccksichtigung, die entweder gar nicht zum Arzt gingen, in einer anderen Krankenversicherung gemeldet waren oder gar nicht als Grippe diagnostiziert wurden. Die Zahlen geben aber einen kleinen Eindruck, wie explosionsartig die Infizierung von statten ging.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>Bis Ende Oktober meldete der Vorw\u00e4rts nahezu t\u00e4glich \u00fcber die Entwicklung. Die Meldungen lassen sich in drei thematische Hauptgruppen einteilen. H\u00e4ufig wurde von Schlie\u00dfungen und Einschr\u00e4nkungen geschrieben. Es lassen sich einerseits die Schulen und andererseits die Betriebe unterscheiden. Betriebsschlie\u00dfungsanordnungen kamen nicht vor. Stattdessen \u00fcberlie\u00df man der Natur \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes &#8211; ihren Lauf. Erkrankte eine Belegschaft im hohen Ma\u00dfe, wurde die Produktion bzw. Dienstleistung eingeschr\u00e4nkt oder komplett eingestellt. \u00dcber generelle vorzeitige Schlie\u00dfungen gab es keine Meldungen. Am 21.10. berichtete der Vorw\u00e4rts, wie auch die Vossische, das von 601 Besch\u00e4ftigten des Haupttelegraphenamtes in der K\u00f6nigsstra\u00dfe 581 erkrankt seien. Ebenfalls in dem Zeitraum musste der Eisenbahnverkehr stark eingeschr\u00e4nkt werden, weil das Personal an der Grippe erkrankt war. Zum Ende des Monats wurde aus Nowawes berichtet, dass die dortige Gasversorgung nahezu komplett eingestellt werden musste. Die Vossische Zeitung wusste auch aus Breslau, von der zeitweiligen Einstellung der Gaslieferung zu berichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Gruppe von Meldungen bezieht sich auf die Beschr\u00e4nkungen bzw. Schlie\u00dfungen von Schulen. Hier lag den Schlie\u00dfungen offenbar kein prophylaktischer Gedanke zu Grunde, sondern vielmehr die erzwungene Akzeptanz der Tatsachen. Waren zu viel Sch\u00fcler erkrankt, wurden die betroffenen Klasse und Schulen geschlossen. In den Meldungen klang zwar durch, dass man damit weitere Ansteckungen verhindern wollte. Betrachtet man jedoch die Regel, dass ab einer Krankmeldungsquote von 30% die Klassen bzw. Schulen geschlossen wurden, wissen wir heute, dass alle Sch\u00fcler weitestgehend infiziert gewesen sein mussten. Dies wird sichtbar, anhand von Meldungen \u00fcber geschlossene Schulen die Ende Oktober gedruckt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Gruppe von Meldungen und Berichten war indifferent. Vielfach waren es Meldungen aus dem Ausland bzw. deutschen St\u00e4dten. Sie waren unsystematisch und wahllos. Ihr Inhalt bezog sich auf allgemeine Aussagen \u00fcber den Ausbruch bzw. Verbreitung der Epidemie. Vereinzelt gingen die Berichte ins Detail, wie im Falle eines Berichtes \u00fcber D\u00e4nemark. Es wurde erw\u00e4hnt, dass in manchen l\u00e4ndlichen Regionen ganze Familien verstarben (24.10.1918, Vossische). Eine relativ h\u00e4ufig wiederkehrende Meldung waren Schlie\u00dfungen von Theatern, Kino und Tanzlokalen aus unterschiedlichen St\u00e4dten.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p>Am 25.10.1918 berichtete die Vossische Zeitung aus der Stadtverordnetensitzung. Darin machte der Stadtverordnete Weil (USPD) die Aussage, dass von 885 im Krankenhaus behandelte F\u00e4lle 352 verstarben. Bedauerlicherweise wurde nicht der Zeitraum mit genannt. Zu vermuten ist, dass es die Zahl aller F\u00e4lle seit dem Ausbruch der Epidemie gemeint waren. Die Epidemie war auf ihrem Scheitelpunkt. Die Aussprache der Stadtverordneten und die Sitzung der Medizinalabteilung des Reichsministerium f\u00fcr Inneres am Folgetag deuten auf eine Bestandsaufnahme der Epidemie, um ein zuk\u00fcnftiges Vorgehen zu beraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. Oktober kamen h\u00e4ufiger Informationen aus dem Reich, in denen ein R\u00fcckgang der Neuinfizierten gemeldet wurden. Weitere Ma\u00dfnahmen wie Schlie\u00dfungen wurden vom Ministerium des Innern (Medizinalabteilung) daher f\u00fcr unn\u00f6tig befunden. Vielmehr diskutierte man die Wiederer\u00f6ffnung geschlossener Theater etc. Diese Meldung wurde von dem Vorw\u00e4rts und der Vossischen gedruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine interessante Meldung ver\u00f6ffentlichte die Vossische Zeitung, nach der bis zum 1.&nbsp;Oktober 175.000 Soldaten in amerikanischen Ausbildungslagern erkrankt seien. Von diesen F\u00e4llen sollen 1.600 Menschen an der Grippe verstorben sein (28.10.1918 Morgenausgabe). Der Vorw\u00e4rts brachte diese Meldung nicht. Alle anderen Meldungen des Tages zum Thema Grippe kamen jedoch in beiden Zeitungen vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 31.10.1918 berichtete die Vossische Zeitung von Schwierigkeiten der Banken die Gelder zu \u00fcberweisen. Als Begr\u00fcndung wurde die Reichsdruckerei genannt. Durch die Einberufung von Arbeitern zum Milit\u00e4r und die Erkrankungen mehrerer Hunderte konnte die Geldmenge nicht gedruckt werden (31.10.1918 Morgenausgabe). In der Berichterstattung der Vossischen Zeitung am 1.&nbsp;November wurde erneut der R\u00fcckgang an Neuerkrankungen gemeldet. Der Vorw\u00e4rts berichtete am 29. Oktober letztmalig mit einem gr\u00f6\u00dferen Bericht \u00fcber die Grippe. Interessanterweise wurden Verhaltensregeln und Schutzma\u00dfnahmen im Umgang mit der Grippe gemacht. Den Fachleuten war es damals schon bewusst, dass die Ansteckung durch die Luft erfolgte. Deshalb wurde ein Mindestabstand zwischen Menschen festgelegt. Hier war man aber noch sehr gro\u00dfz\u00fcgig. Der Abstand wurde auf einen halben Meter festgesetzt. Man sollte im Gespr\u00e4ch das Gegen\u00fcber nicht direkt anschauen, um eine Tr\u00f6pfchenansteckung zu vermeiden. Auch forderte man ein Besuchsverbot von Schwerkranken im Krankenhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Monatswende in der das Nachlassen der Epidemie festgestellt wurde, ging die Berichterstattung in beiden Zeitungen stark zur\u00fcck. W\u00e4hrend die Vossische Zeitung vereinzelt kleine Meldungen noch druckte, hatte der Vorw\u00e4rts die Berichterstattung zum Thema Grippe eingestellt.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zusammenfassung<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Vossische Zeitung berichtete in der Regel ausf\u00fchrlicher und detaillierter. So wurden Todesf\u00e4lle von einzelnen Pers\u00f6nlichkeiten der damaligen Zeit genannt. Es wurden dar\u00fcber hinaus Meldungen aus anderen St\u00e4dten und Regionen Europas gedruckt. In ihnen wurden auch Todesf\u00e4lle genannt, die weit \u00fcber das Ma\u00df hinausgingen, die im Vorw\u00e4rts ver\u00f6ffentlicht wurden. Exemplarisch steht eine kurze Meldung aus Barcelona, dass dort \u00fcber 259 Todesf\u00e4lle am 16.10.1918 und in der Woche von 1.597 Tote (19.10.1918) registriert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Beiden Zeitungen ist gemeinsam, dass die ver\u00f6ffentlichten Informationen mit Vorsicht zu begegnen sind. Auff\u00e4llig das selten Bezug auf vorangegangene Meldungen und Berichte gemacht werden. Dies geht soweit, dass beispielsweise Krankheitsf\u00e4lle eines Tages in zwei unterschiedlichen Meldungen sich unterscheiden. Es werden Informationen und Aussagen getroffen, die nicht hinterfragt werden oder in gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge gebracht werden. Meldungen werden als singul\u00e4re Ereignisse ver\u00f6ffentlicht. Eine Plausibilit\u00e4tspr\u00fcfung der Daten gab es nicht, so dass die Informationen in G\u00e4nze kritisch zu betrachten sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispielsweise die gemachte Meldung \u00fcber die 175.000 amerikanischen Soldaten von denen 1.600 verstorben seien sollen. Dies entspr\u00e4che eine Sterblichkeit von 0,91%. Betrachtet man die ver\u00f6ffentlichten Zahlen der AOK, kommt man rechnerisch auf eine Quote von 2,74%. Diese Diskrepanz wird weder aufgezeigt und gar analysiert und Fragen aufgeworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auff\u00e4llig ist, dass im Anschwellen der Epidemie laufend die Krankmeldungen genannt werden (Anhang 3). Im Zeitpunkt des Abfalls zur Monatswende Oktober\/November die Berichterstattung aufh\u00f6rt. Nun k\u00f6nnte man vermuten, dass die Beendigung des Krieges und Demobilisierung mit den Problemen der R\u00fcckf\u00fchrung die Zeitungen f\u00fcllen w\u00fcrden. Dem ist nicht so. Die Zeitungen berichteten weiterhin \u00fcber Allt\u00e4glichkeiten. Die Anzahl der Krankheitsf\u00e4lle nahm ab, gingen aber noch in die Hunderte.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotz problematischer Glaubw\u00fcrdigkeit einzelner Meldungen, kann man herauslesen, dass innerhalb k\u00fcrzester Zeit die Epidemie hereinbrach. Die erste Meldung \u00fcber eine Epidemie wurde am 22.09.1918 ver\u00f6ffentlicht. Zwei Tage sp\u00e4ter kamen Meldungen aus Frankreich \u00fcber seuchenartige Ausbr\u00fcche. Am 9. Oktober, zwei Wochen sp\u00e4ter, wurde die in Deutschland auftreten F\u00e4lle verharmlost. Am 13. Oktober quollen die Krankenh\u00e4user in Berlin \u00fcber. In 14&nbsp;Tagen (16. Bis 30.10.) kam es zu fast 16.000 AOK-registrierte F\u00e4lle in Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie dramatisch diese Zahlen sind soll folgende Rechnung verdeutlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einwohnerzahl des Deutschen Reiches im Jahre 1918 betrug rund 65 Mill. Menschen. Hierbei sind die Kriegstoten ber\u00fccksichtigt. Die Bev\u00f6lkerung von Gro\u00df-Berlin betrug rund 3,6 Mill. Menschen. Diese Zahl setzt sich aus der Einwohnerschaft Berlins und der Bev\u00f6lkerung die 1920 eingemeindet wurde (Tabelle 1).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tab1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-587\" width=\"371\" height=\"130\" srcset=\"https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tab1.jpg 414w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tab1-300x105.jpg 300w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tab1-308x108.jpg 308w\" sizes=\"auto, (max-width: 371px) 100vw, 371px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Nimmt man die Fallzahlen der AOK, die von den Zeitungen publiziert wurden, ergibt sich eine Todesrate von 2,74% (Tabelle 2).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tab2-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-590\" width=\"357\" height=\"164\" srcset=\"https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tab2-1.jpg 380w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tab2-1-300x138.jpg 300w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Tab2-1-235x108.jpg 235w\" sizes=\"auto, (max-width: 357px) 100vw, 357px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Setzt man voraus das diese Berliner Todesrate repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Gesamtbev\u00f6lkerung des Deutschen Reiches ist, bedeutet das 1.778.128 Todesopfer.<\/p>\n\n\n\n<p>Als These aus dem kleinen Vergleich zweier Berichterstattungen der damaligen Presse l\u00e4sst sich festhalten. Das Gesamtausma\u00df wurde nicht erkannt bzw. nicht formuliert. Es wurde sachlich eher distanziert berichtet. Das Ausma\u00df des menschlichen Leids und deren Auswirkungen wurden gar nicht thematisiert. Eine versteckte Empathie l\u00e4sst sich bestenfalls bei der Meldung erkennen, die \u00fcber den Tod ganzer Familien schrieb. Ebenso l\u00e4sst sich das Schrecken aus der Rede des Stadtverordneten Weil herauslesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ethische Bedeutung eines Menschenlebens war nicht stark ausgepr\u00e4gt. Die Todesopfer wurden betrauert, dies wird u. a. in den Todesanzeigen deutlich, aber die Epidemie wurde eher als naturgegebene Gewalt hingenommen. Einer Gewalt die nicht beherrschbar ist und der man ausgeliefert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Medial l\u00e4sst sich ein Unterschied zwischen der b\u00fcrgerlichen Berichterstattung (Vossische Zeitung) und der sozialdemokratischen Berichterstattung (Der Vorw\u00e4rts) festhalten. Wie ausgef\u00fchrt berichtete die Vossische Zeitung in der Regel ausf\u00fchrlicher mit mehr Details. Beiden Zeitungen gemein war eine nicht-analytische und unsystematische Berichterstattung.<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller gebotenen Vorsicht vom Wahrheitsgehalt aller Meldungen l\u00e4sst sich die Katastrophe anhand der Ver\u00f6ffentlichungen nachzeichnen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> \u201eVierzehn Tage nach dem ersten Auftreten in Paris war die Influenza bereits in New York,\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Aktuelle Berechnungsmethoden und interaktive Darstellung<br><a href=\"http:\/\/rocs.hu-berlin.de\/D3\/herd\/\">http:\/\/rocs.hu-berlin.de\/D3\/herd\/<\/a><br><a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Service\/Presse\/Pressemitteilungen\/2013\/13_2013.html\">https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Service\/Presse\/Pressemitteilungen\/2013\/13_2013.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Anhang<\/h3>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"785\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-04_-Bericht-Epidemien-785x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-596\" srcset=\"https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-04_-Bericht-Epidemien-785x1024.jpg 785w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-04_-Bericht-Epidemien-230x300.jpg 230w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-04_-Bericht-Epidemien-768x1002.jpg 768w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-04_-Bericht-Epidemien-863x1125.jpg 863w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-04_-Bericht-Epidemien-83x108.jpg 83w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-04_-Bericht-Epidemien.jpg 1128w\" sizes=\"auto, (max-width: 785px) 100vw, 785px\" \/><figcaption>Anhang 1<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"510\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-23_-Bericht-Grippeverlauf_schutz-510x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-597\" srcset=\"https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-23_-Bericht-Grippeverlauf_schutz-510x1024.jpg 510w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-23_-Bericht-Grippeverlauf_schutz-149x300.jpg 149w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-23_-Bericht-Grippeverlauf_schutz-54x108.jpg 54w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/1918-07-23_-Bericht-Grippeverlauf_schutz.jpg 553w\" sizes=\"auto, (max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><figcaption>Anhang 2<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"535\" src=\"http:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Fallstatistik-1024x535.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-598\" srcset=\"https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Fallstatistik-1024x535.jpg 1024w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Fallstatistik-300x157.jpg 300w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Fallstatistik-768x401.jpg 768w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Fallstatistik-863x451.jpg 863w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Fallstatistik-207x108.jpg 207w, https:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Fallstatistik.jpg 1507w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Anhang 3<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide has-media-on-the-right is-stacked-on-mobile is-vertically-aligned-top\" style=\"grid-template-columns:auto 25%\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"253\" height=\"161\" src=\"http:\/\/neukoellner-clio.de\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/logo-Clio-Logo.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-6\"\/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-normal-font-size\">Autor: Werner Schmidt<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einleitung Der zweite Teil des Berichtes \u00fcber die spanische Grippe besch\u00e4ftigt sich mit der zweiten Welle der Epidemie. Zur Grundlage des Aufsatzes habe ich die Berichterstattung der Zeitung des \u201eVorw\u00e4rts\u201c. Der Juli war gepr\u00e4gt durch eine Zusammenfassung des bisherigen Verlaufes der Epidemie. Die erste Epidemie-Welle klang im Juli ab. Der Vorw\u00e4rts berichtete im Juli in &hellip; <a href=\"https:\/\/neukoellner-clio.de\/?p=583\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Spanische Grippe: 2. Teil<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[32],"tags":[37,36,35,34],"class_list":["post-583","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-thema","tag-epidemie","tag-grippe","tag-influenza","tag-virus"],"featured_image_src":null,"featured_image_src_square":null,"author_info":{"display_name":"EBS-Clio","author_link":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/?author=1"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=583"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":601,"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/583\/revisions\/601"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=583"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/neukoellner-clio.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}